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Leben zulassen

Leben zulassen

Damals, als du zu mir kamst, tat ich alles nur damit du bei mir bleibst. Ich erhielt dich und machte alles, damit du mich nicht verlässt. Du warst mein ganzer Inhalt.
Von Anfang an zeigtest du mir alle Schönheiten und Hässlichkeiten dieser wunderbaren Welt. Hast mich gelehrt mit dem Herzen zu schauen, indem du mir auch die tiefsten Tiefen sichtbar machtest. Böse Menschen hast du mir zugeführt, Menschen, die mir Schaden zufügten.

Die Farben habe ich durch dich begriffen, dass das Blau nicht gleich blau ist und weiß unendlich viele Nuancen hat. Lehrtest mich, dass Schwarz und Weiß nicht alles ist, dass es dazwischen Grautöne gibt und in jedem Ton eine ganze Symphonie schwingt. Hast mir meine Talente bewusst gemacht und mich Menschen zugeführt, die dieses erkennen und lieben. Damals vertraute ich dir und wollte dich niemals verlassen.

Doch dann lernte ich durch dich, dass nicht alles Freude ist. Durch dich habe ich Menschen getroffen, die sich nicht darum scheren ob ihr Tun ehrenwert ist, ob sie anderen Menschen schaden mit Herzlosigkeit, dem Hass und ihrer Untreue. Sie haben auch mir geschadet, aber du zeigtest mir auch, dass ich das überwinden kann, hast mich gestützt wenn ich darüber verzweifelt war. Aber das größte Geschenk von dir war die Liebe, die alles umfassende Liebe, ohne Anspruch auf Gegenliebe, ohne Bedingungen.

War ich raffgierig, hast du mir gezeigt, wie es anders geht und ich habe durch dich begriffen, dass es einen Sinn gibt nicht aufzugeben. Zeigtest mir den Hass, wecktest den Neid, löstest ihn wieder auf, indem du mich immer wieder erfahren ließest, dass ich durch mich alleine, aus mir heraus, schöpfen kann.

Oftmals bekam ich Menschen vorgestellt, die alles andere als gut waren. Hast sie mir direkt vor die Nase gesetzt und sie schadeten mir. Konntest zuschauen wie sie mich verleumdeten, schlugen und mit Füßen traten. Ich begann an dir zu zweifeln. Doch dann brachtest du mir auch die Menschen, die mich liebten, so wie ich bin und war, die zu mir standen und mich unter ihre Fittiche nahmen.

Ich hasste dich manchmal wie die Pest und ich liebte dich wie ich Engel lieben würde. Du warst immer, egal welche Emotionen ich für oder gegen dich hegte, bei mir. Unterstütztes mich mit grenzenloser Weisheit. Hast einfach nicht von mir gelassen, bis heute.

Doch dann hast du mir die Menschen zugeführt, die versucht haben mich zu zerstören, hast zugeschaut wie ich durchgerüttelt wurde bis ich nicht mehr wusste wo oben, unten, hinten oder vorn war. Du hast mir zugeschaut wie ich zappelte und um mich schlug, schrie und mir die Seele aus dem Leibe brüllte.
Ganz locker, fast spielerisch hast du mich da wieder herausgeholt, in dem du mir zeigtest, dass es Liebe gibt, dass es sich lohnt weiterzumachen, auch wenn es mir noch so dreckig ging.

In diesen schwärzesten Stunden, als ich von dir weg strebte, dich verlassen wollte, hast du dich um mich geschlungen, dich an mich geklammert und mich einfach nicht verlassen. Darum  hasste ich dich noch mehr, wollte dich loswerden und habe dich verleugnet, wollte dich gewaltsam entfernen und trat dich mit Füßen, doch du klammertest dich an mich. Einfach festgehalten und nicht losgelassen. Sagtest, dass du mit mir noch lange nicht fertig seist, dass du mir noch so viel zu geben hättest.
Doch ich versuchte immer mehr dich loszureißen von mir, dich wegzuwerfen. War unbändig in meiner Verachtung für dich, wollte lieber den Tod als weiter bei dir sein. Dennoch, nie hast du mich aufgegeben und immer wieder hast du es geschafft mich zurück zu reißen, zu dir hinzuziehen, mich von dir zu überzeugen, indem du zu einer klebrigen Masse wurdest, mich fixiertest, bis ich allen Widerstand aufgab und weitermachte.

Wenn ich etwas nicht begriff, hast du es mir begreiflich gemacht. Nicht gefragt ob ich damit einverstanden war, ob ich das auch wollte. Du hast einfach gehandelt und mich in schreckliche Situationen gebracht, in denen ich schwamm wie in eiskalten Wassern. Zeigtest wie es ist betrogen und belogen zu werden, missachtet und verlacht zu werden.
Hast mir Menschen geschickt, die mich schlugen bis ich fast zerbrach und dennoch sie wieder verjagt als ich erkannte, dass ich Ich bin, dass ich eine Persönlichkeit habe. War ich klein und wehleidig, zeigtest du mir die schönen Seiten.

Und plötzlich hattest du es geschafft mich glücklich zu machen und mir Menschen und Ereignisse zugeführt, die mich aufrichteten. Du hast es fertig gebracht, dass ich unbändig lachen konnte, aus voller Seele vor Vergnügen schrie und aus tiefster Trauer Wasserfälle weinte. Licht und Schatten, alles habe ich dir zu verdanken, denn wenn ich mich wirklich von dir getrennt hätte, könnte ich dieses alles nicht erleben.

Schon als ich klein war hattest du mich geliebt und es mir gezeigt. Durch dich habe ich eine Art von Urvertrauen bekommen. Nie ließest du mich im Stich, auch wenn du mir großen Kummer und Schmerz zugeführt hast. Die Menschen, die mir weh taten habe ich dir zu verdanken, aber auch die Menschen die mich lieben, liebten und die mir gut tun und taten.

Durch dich habe ich malen gelernt. Du gabst mir den Pinsel in die Hand und sagtest: „male oder stirb, lass die Musik fallen, denn in diesem Leben sollst du keine Musik machen, du sollst malen“.
Und ich sagte: good by Musik, heute stirbt die Helga, die Musik im Körper hat und komponierte. Heute will ich nicht trauern um sie, denn sie wird etwas anderes tun, sie wird malen, und ich malte und malte meine Seele, mir die Seele aus dem Leib und wurde froh dadurch.
Das habe ich dir zu verdanken.

Du wirst nicht immer bei mir sein, wirst eines Tages aus mir fließen, mich verlassen, mich in eine andere Zukunft entlassen. Doch schon heute weiß ich, hätte ich dich getötet, wäre nichts gelaufen, hätte ich nichts begriffen oder erfahren. Ich liebe dich und umarme dich, ich nehme dich voll in mir auf, dich,

das Leben.

©Helga Sievert-Rathjens

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