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Kurzgeschichte: Kanarienvogel

Balkongeschichten: Kanarienvogel

Willi rennt aufgeregt vor der geschlossenen Balkontür herum. Es ist kalt draußen, und mich wundert das, denn mein Kater ist eher eine Frostbeule und liegt lieber unter meiner Bettdecke als auf dem Balkon herumzustreichen.

Nett wie ich bin, öffne ich die Tür und schon ist er in verdächtiger Eile, flach auf dem Bauch in Lauerstellung, auf den Balkon geflitzt.
Ich schaue neugierig und höre ein leises Piepen. Sofort sind meine Sinne ebenso geschärft wie Willis. Ich schaue mich um und entdecke einen kleinen Kanarienvogel mit Beatlefrisur im Gestrüpp des Balkonkasten.

Ratlos schauen wir uns an. Der Vogel legt das Köpfchen auf die Seite und piept, Kater Willi schleicht sich derweil an. In meinem Kopf purzeln die Gedanken. Erst mal sollte ich Willi vom Balkon fernhalten, denke ich, und dann versuchen, das Tierchen einzufangen. Aber wie? Und wenn ich ihn habe, dann wohin mit ihm? Der Willi würde es sofort verspeisen wollen...

Ich nehme etwas Futter in die rechte Hand und halte es dem Vöglein entgegen. Es dreht das Köpfchen nach links, piep, Köpfchen nach rechts, piep, - macht einen langen Hals und scheint nicht abgeneigt. Als ich aber einen Schritt näher komme, flattert es aufgeregt auf ein Regal und piept dort zum Herzerweichen. Ich spreche mit ihm, erzähle ihm, dass ich ihm helfen möchte und er solle doch keine Angst vor mir haben.

Mein Herz klopft gewiss ebenso schnell wie seines.

Wieder nähere ich mich ihm. Da flattert es aufgeregt einmal an die Decke und dann weg von meinem Balkon auf den Balkon meiner Nachbarin.

Schnell ziehe ich mir eine Hose an, denn wenn ich bei der Nachbarin läute, würde sie mich so frei unten herum vielleicht etwas seltsam finden. Dann rase ich durchs Treppenhaus nach nebenan und schelle Sturm bei Walli, der Nachbarin. Sie öffnet mit großen Augen und ich erzähle ihr, dass ein kleiner, gelber Kanarienvogel auf ihrem Balkon sitzt und vermutlich um Einlass piept. Wir einigen uns, dass sie die Balkontür öffnet, und wir wollen versuchen ihn einzufangen. Vorsichtshalber gehe ich wieder rüber auf meinen Balkon, um Willi von seiner Fresssucht abzuhalten. Doch „Hansi“, so habe ich den kleinen Vogel im Stillen getauft, ist schon auf und davon, Als ich mich umschaue, höre ich sein trauriges Piepen aus dem nahen Baum.

Sofort rufe ich bei der Feuerwehr an. Eine barsche Stimme am anderen Ende der Leitung fordert mich auf, den Unglücksort zu nennen. Oh, denke ich, ist das nun hier ein Unglücksort? „Ne, ne“, beruhige ich den guten Mann, „hier ist zwar ein Notfall, aber so ein richtiger Unglücksort ist es eher nicht.“ Nun fragt der Mann - offensichtlich erleichtert - nach und ich schildere ihm den Fall. Er rät mir erst mal bei der Polizei nachzufragen, ob denn schon eine Vermisstenmeldung eingegangen wäre, sie selber, die Feuerwehr, könne da gar nichts machen.

Also rufe ich die Polizei an. Ein sehr netter Polizist erklärt mir, dass ich erst mal beim Hausmeister nachfragen solle, ob denn Jemand seinen Vogel vermisst. Danach solle ich versuchen, den kleinen Kerl einzufangen und dann bei der zuständigen Wache anrufen – die Nummer gibt der nette Mensch mir auch gleich – und dort solle ich auch nach der Vermisstenmeldung fragen. Die würden mir in jedem Fall weiterhelfen.

Ok, ich rufe beim Hausmeister an und der erzählt mir, dass der Vogel schon den halben Vormittag von Balkon zu Balkon fliegt und sich einfach nicht einfangen lässt. Er rät mir, die Balkontür offen zu lassen, dann könne Willi mir beim Fangen helfen. Ich werde zornig: „Sie Tierquäler!“ Er lacht. Na ja, Humor hat er ja.

Nun rufe ich in der Zoohandlung eine Straße weiter an, frage die nette Frau, ob sie von einem entflohenen Kanarienvogel gehört habe. Nein, habe sie nicht, aber sie würde mir raten, das Tier mit einem Kescher einzufangen. Dann könne ich bei der Polizei anrufen, und die würden sich um weiteres kümmern.

Gut, also rufe ich bei der zuständigen Wache an, und ein total lustiger Polizist hört sich mein Problem, vielmehr das vom Hansi, an. „Gut,“ sagt er, „wir nehmen erst mal die Meldung auf........ also Kanarienvogel, Farbe gelb, Größe?“ Ich erwidere: „Größe? Klein.“ „Wie klein?“ fragt er. Ich antworte: „Normal klein.“ „Name?“ „Hansi“ sage ich. Er notiert weiter „Vogelfutterdieb auf Balkon gesichtet, Farbe gelb, normal klein, piept dreist, entzieht sich dem Zugriff von Kater Willi.“ Ich ergänze: „Frisur, Beatle.“ „Na, wenigstens kein Skin,“ meint er darauf. Ich klopfe mir derweil schon die Schenkel weich vor lauter Lachen. Ich solle aufhören zu lachen, sagt der Beamte am anderen Ende der Leitung, er hätte keine Scherze gemacht und schließlich sei er im Dienst. Das leuchtet mir ein und ich fange an zu quietschen vor unterdrücktem Lachen. Auch er quietscht mittlerweile hörbar.Nun erklärt er mir, ich solle eine Vogelfutterspur ins Wohnzimmer legen, wenn der Vogel dann hereinspaziert käme, solle ich schneller als Willi sein und ihn schnell fangen, in einen Karton tun und wieder anrufen. Wenn der Vogel unverletzt sei, würde er dafür sorgen, dass das Tier sofort hinter Schloss und Riegel käme, wenn es verletzt sei, käme es zum Tierarzt. Sie würden es sogar bei mir abholen. Das finde ich sehr nett und bereite mich innerlich auf den Fang vor.

Eine Stunde später.

Ich schaue auf dem Balkon nach, und tatsächlich sitzt Hansi im Vogelfutterhäuschen und lässt sich die Körner schmecken. Zum Glück habe ich auch kleine Körnchen darin. Ganz langsam öffne ich die Balkontür; Hansi schaut misstrauisch. Langsam nehme ich das Netz. Und will gerade zuschnappen, als er auffliegt und im Balkonkasten landet. So schnell ich kann, lege ich das Netz über ihn. Ich habe ihn. Er flattert und piept, und bevor ich richtig reagieren kann, ist er wieder raus aus dem Netz. Nun ja, es war ohnehin ursprünglich nur für Fische gedacht, und er fand es wohl artfremd, sich darin aufzuhalten. Nun sitzt er wieder drüben in den Bäumen und piept. Warten wir, bis er wiederkommt, dann schaffe ich es vielleicht.

Nach einer weiteren Stunde.

Willi schleicht sich wieder langsam Richtung Balkontür.
„Aha,“ denke ich, Hansi scheint wieder da zu sein.

Ich tue es Willi gleich und schleiche noch langsamer zum Balkon. Und da sitzt Hansi gemütlich auf dem Balkonstuhl und wartet darauf, dass ich wieder mit dem Kescher komme. Den Gefallen werde ich ihm gerne tun, schnappe mir das Teil und halte es Willi vor die Nase. Der rennt in Panik und total empört davon. Er mag keine Kescher. Hansi wartet auf mich und hält ganz still. Sofort lege ich das Netz über ihn und nun bekommt er es doch mit der Angst zu tun. Versucht zu flattern, aber diesmal bin ich schlauer und nicht mehr so zaghaft, lege fest meine Hand über ihn und das Netz und renne mit ihm in die Wohnung. Dort schnappe ich mir den vorbereiteten Karton und renne raus aus der Wohnung. Ich möchte den Willi ja nicht noch mehr verärgern und den Vogel auch nicht unnötig extra aufregen.

Draußen auf dem Flur steht zufällig die Nachbarin Walli. Ich frage sie, ob wir zusammen das Tier schnell in den Karton tun könnten, aber sie sieht mich groß an und meint: „Nein, ich habe jetzt keine Zeit.“ So eine herzlose Person, denke ich, lebt allein, verlässt nie das Haus und hat keine zwei Minuten Zeit, einen kleinen, verlorenen Vogel in einen Karton zu packen. Ich bin empört, halte mich aber nicht weiter auf und renne mit dem nun ganz ruhigen Vogel die Treppe hinunter zum Hausmeister. Dessen Sohn Pierre ist da und erfreut, dass er helfen darf, einen Vogel zu retten. Wir packen ihn zusammen in den Karton und er klebt ein Band drum herum. Hansi verhält sich nun ganz still. Die Löcher scheinen auch groß genug zu sein, so gehe ich wieder nach oben und benachrichtige die Polizei darüber, dass ich den Ausreißer gefangen habe.

Der Polizist ist wieder besonders gut drauf, er lacht und sagt, er hätte die Handschellen schon bereit und er würde gleich kommen den Hansi wegen Landfriedensbruch und Diebstahl zu verhaften. Ich werfe ein, dass der Delikt Diebstahl in diesem Falle nicht zutreffen würde, denn es scheint ja nur ein Mundraub gewesen zu sein. Immerhin habe ich ihn quasi dazu eingeladen, indem ich kleine Körnchen ausgelegt hätte. Das leuchtete dem Herrn ein und er drückte ein Gesetzeshüterauge zu.

Nun hoffe ich, dass Hansi seine Familie wieder findet. Halten wir ihm die Daumen

©Helga Sievert-Rathjens

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