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Kurzgeschichte: Hauterneuerung auf norwegisch


Hauterneuerung auf norwegisch


Neulich bei der Freundin. Sie plaudert über ihre „ach so alte“ Haut. Fahrig streicht sie sich über die Wangen: „Also ich hatte ja immer schon eine schwierige Haut, dachte ich jedenfalls. Täglich cremte, pappte, puderte, regte ich an und beruhigte sie, wenn sie gar zu aufgeregt war. Ich machte alles! Alles! Nur damit sie mir nicht eines Tages zu Plisseefalten zerfiel. Die Augen wurden zum Strahlen gebracht, mit Lidschatten verschönert und die Wimpern gebogen. Ohne das ging es nicht! Abends reinigte und cremte, tupfte ich auf Wangen und Stirn und kämmte mir wahrhaftig die Wimpern. Wichtig, lebensnotwendig!“ Sie sieht mich eindringlich an. „Tat ich das nicht, fühlte ich mich nackt und angreifbar und war der Meinung, die Haut würde ohne Cremes bleich, grau, leidend, zerfallen und picklig aussehen.“


Sie seufzt tief auf, so als würde sie all die Qual nochmals erleben. Dann: „Und plötzlich, in meinem 38sten Lebensjahr, zack – alles für die Katz! Zerfleddert und verfallen das ehemals samtene, pfirsichfarbene Liebchen.“


Meine Freundin stockte in ihrer Erzählung und sah mich schicksalsschwanger an.Entsetzt riss ich die Augen auf. „Was ist passiert?“ fragte ich.


Radikale Hautkur in Norwegen.“


„Häh?“ frage ich.


Ja, am ersten Abend, nach unserer Ankunft in der Hütte, stellte ich entsetzt fest, dass ich meine Grundsanierungstasche zuhause auf der Kommode vergessen hatte. Extra als letztes gepackt, morgens, nach der Entfaltung, neben die Haustür gelegt – wichtig, wichtig – und? Vergessen!!!

Das war so was von entsetzlich!“ Klagte sie laut. „Mir schoss der Schreck durch die Glieder, kann ich dir sagen.

Eine kleine, abgelegene Hütte mitten im Nirgendwo. Knapp 30 km vom nächsten Laden entfernt, dazu noch eine holprige Strecke.“ Sie beschrieb die Horrorstrecke eindringlich, so dass ich jede unübersichtlich Stelle und jedes Schlagloch, die Enge und die steilen Schluchten, lebhaft vorstellen konnte. „Und ich ohne Hautcremes!“ kreischte sie fast aus.

„Uns hatte es hierher gezogen, ohne zu ahnen, dass Gebirge und naturbelassene norwegische Straßen anders zu befahren sind, als die platte Norddeutsche Tiefebene und zudem war es in dieser Einöde äußerst schwierig einen passenden Laden – wenn überhaupt – zu finden.“ Wieder seufzte sie und ich stöhnte mitfühlend.


„Am nächsten Tag, war ich noch ziemlich groggy von der Herfahrt, und beschloss, das Spannen der Haut erst mal zu ignorieren. Abends die typische Pflegehaltung eingenommen, festgestellt, dass kein Pflegemittel vorhanden war. Leere in mir gefühlt, geseufzt und versucht mir eine andere Beschäftigung zu suchen.“


Ich grinste innerlich.


„Der nächste Morgen vor dem Spiegel… sprechen wir nicht drüber. Ich wusch mich mit dem klaren Bergwasser und das musste reichen.


Heute also in den Ort und - ich konnte es nicht glauben - wir hatten den Nationalfeiertag erwischt und kein Geschäft hatte geöffnet.

Joachim schlich auch schon ganz kleinlaut um mich herum. Ich fragte ihn natürlich, ob ich so schrecklich aussähe, dass er jetzt von mir Abstand nehme. Er verneinte natürlich. Hat er sich auch sehr wohl überlegt, denn der Urlaub hatte gerade erst begonnen und sollte noch 6 Wochen harmonisch verlaufen.“


Meine Freundin und ich grinsten uns teuflisch zu.


„ Ja und dann sind wir wieder weg, zur Hütte, verbrachten den Abend mit einem Traumsonnenuntergang über dem stillen See.


Der nächste Morgen vor dem Spiegel: Ent-setz-lich!“ Bei dieser Vorstellung verzog sich ihr Gesicht zu einer schreckerregenden Grimasse und sie tat mir nachträglich noch sehr leid. „Ein mir fremdes Gesicht starrte mich wild an. Ein außerirdisches Wesen war hier eingedrungen! Erschrocken öffnete es den Mund und ich sah all die Runzeln und Plisseefalten, graue Hautareale an den Wangen, so grauenerregend vor mir, dass ich voller Panik zurückprallte und an der Rückwand erschöpft in mich zusammensackte. Ich schluchzte und greinte, wollte gar nicht mehr hinschauen, bis ich mir einen Ruck gab, all meinen Mut zusammennahm, mich aufraffte und mit erhobenem Haupt, den Spiegel und das Wesen ignorierend, das Bad verließ.


Die nächsten Tage verbrachten wir damit, durch die Wälder zu streichen, lange Spaziergänge um diverse kleine Seen zu machen, in einem trockenen Teilstück des wilden Stroms, der unseren See speiste, auf den großen Steinen ausbalancierend so hin und her zu springen, dass wir nie den Boden berühren mussten. Und all so was. Nur morgens und abends erinnerte meine nunmehr sich schälende Haut, an gewisses Schleifpapier, und mir war das total egal. Ich wollte hier, jetzt und so wie ich war meinen Urlaub genießen, und das tat ich dann auch.“ Meine Freundin lächelte mich vergnügt an und ich sah, dass diese Tage ihr Mut gemacht und Vergnügen bereitet hatten.

„Nach fast drei Wochen“ plapperte sie munter weiter, „nahm ich dann eine rapide Veränderung meiner Haut wahr. Sie wurde weich, wie eine Pfirsichhaut. Ach was soll ich sagen, babyweich. Ich konnte es nicht fassen. Aber glaub mir, so war es. Die ganzen 6 Wochen über hatte ich mich nicht einmal gecremt und nun dieses phänomenale Ergebnis.


Das habe ich mir gemerkt und als ich wieder zuhause war, stellte ich all das Gedöns in eine Schachtel und fragte meine Nachbarinnen, ob sie Verwendung dafür hätten und der Rest wurde im Müll entsorgt.“


Nun kenne ich auch die Hautgeschichte aus dem Leben meiner Freundin. 

© Helga Sievert-Rathjens 

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