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Kurzgeschichte: Bonito

Bonito

Manchmal, wenn ihr das Leben wieder all zu schwer erschien, träumte sie sich in den kleinen, alten Hafen Vueltas auf der Insel La Gomera, wo die Fischer frühmorgens mit kleinen, Dieselrauch ausstoßenden Booten durch das klare Wasser tuckerten. Selbst der Geruch der blauen Rauchfahnen erschien ihr in der Erinnerung als reiner Wohlgeruch. Sie hatte ihnen zugeschaut wie sie am Horizont immer kleiner wurden, bald wie kleine Insekten auf einem blauen Seidentuch aussahen und unvermittelt wie vom Meer verschlungen waren.

Dann kehrte Ruhe im Hafen ein und sie atmete den Duft des frischen Morgen, ließ sich nicht das Schauspiel des letzten Strahlens vom Sonnenaufgang entgehen, das im Gegensatz zum Sonnenuntergang mit sanften rosa Tönen eine Melodie in ihr Herz spielte, die sie ruhig und gelöst werden ließ. Auf der Kaimauer ließ sie dann ihre Beine baumeln. Die Hände rückwärts auf die kühlen Steine gestützt, lauschte sie dem leisen Gluckern und Gurgeln der kurzen Wellen und ging eine Weile danach zu Manolo, um sich einen Becher seines unvergleichlich starken Kaffee auf der Zunge zergehen zu lassen. Mit Blick auf die Weite des Meeres, den Felsen und Steinen am Strand, genoss sie die plätschernde Ruhe, die der Ozean auf sie ausübte.

Wenn dann am Abend die Fischer mit voll beladenen, tiefliegenden Booten in den Hafen zurückkehrten, hatte sie schon die Wärme des Tages in sich aufgenommen und stand erhitzt an der Mole, sah ihnen zu, wie sie geschickt die Duckdalben umschifften und sich dabei mit den am Kai wartenden Chicos Wörter zuriefen, die sie nicht verstand aber doch jede Silbe genoss. Die Bonitos wurden in Schubkarren, die vom jahrelangen Gebrauch verrostet und ohne Farbe waren, geladen und von den Helfern auf die Kaimauer gestellt. Dabei schienen sie zu scherzen und lachten ihr lautes, urgesundes Lachen und sie hatte inzwischen ihre Staffelei aufgebaut, die Farben zurecht gelegt und ohne sich um die schaulustigen Touristen zu kümmern, angefangen zu malen. Vielleicht lachten die Fischer über sie, riefen sich Scherze zu, weil sie eine alte, verrostete Schubkarre, gefüllt mit glänzenden Fischen, malte. Ein Motiv, welches für die Fischer der normalen Tagesarbeit entsprach, für sie, die Touristin, aber immer wieder interessant war und ebenso wie alte, abgestellte Autos, die nur noch vom Rost zusammengehalten schienen, sich zu malen lohnte.

Nachdem sie dann alle Farben aus sich herausgemalt hatte, ging sie regelmäßig an die Playa del Ingles und füllte sich an dem Anblick der untergehenden Sonne wieder auf, die feurige Wolken hinter sich herzog. Und sie wunderte sich jedes Mal, dass der riesige Feuerball nicht zischend im Meer versank, sondern langsam und ruhig, ja fast gelangweilt am Horizont verschwand. Danach schlenderte sie geruhsam und hungrig ins Casa Maria, trank den Vino Tinto wie Wasser und bekam nicht genug von dem frisch zubereiteten, duftenden Bonito. Dazu die kleinen, schrumpeligen Kartoffeln mit salziger Schale, die so lange in Meerwasser gekocht waren, bis alles Wasser verdunstet war und nur noch die Salzkruste an den Schalen klebte. Die halbierten Kartoffeln tauchte sie dann in eine Knoblauchmajonäse, von der sie  immer eine doppelte Portion bekam und genoss den erdig-salzigen Geschmack, der sie an urtümliche, frühkindliche Genüsse erinnerte, als sie als Kind einmal versucht hatte, die frische, schwarze Erde im Garten der Tante zu essen.

Nach diesem Tagtraum erschien ihr das Leben wieder leicht und unbeschwert.

©Helga Sievert-Rathjens

 

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