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Fuhlsbüttel Anno 1970

Fuhlsbüttel Anno 1970

Endlich war ich aus meinem Elternhaus ausgezogen und hatte ein kleines Zimmer in Hamburg-Fuhlsbüttel bezogen.

Hier in diesem Stadtteil kannte ich keinen Menschen. So ging ich manchmal nachmittags in ein nahes Eiscafé mit integriertem Imbiss. Bald schon lernte ich dort einige Leute kennen.

Zunächst einmal Walter, einen niedlichen kleinen Rentner, der wie Henry Vahl aussah. Er wohnte in einem kleinen Haus im Garten einer Hausbesitzerin und flirtete mit mir auf Deubel komm raus. Er gelobte feierlich, er würde mich noch einmal vernaschen, so wahr er Walter Petschow hieße.

Walter war täglich in der Eisdiele. Am glücklichsten war er, wenn er Rente bekommen hatte. Dann warf er mit der Kohle nur so um sich und gab jedem, den er mochte, einen aus. Das ging ungefähr vier bis fünf Tage so, dann war er wieder pleite und wartete auf den nächsten Monat. So lange allerdings wurde er dann von seinen Freunden und jedem, der einmal etwas Geld hatte, freigehalten. Jeder kannte Walter, denn er gehörte zum Inventar.

Dann war da noch Fiete. Fiete gehörte auch zum Inventar, jedenfalls wochentags nach Feierabend und am Sonntag. Samstags war das Eiscafé geschlossen. Das war ein sehr harter Tag für uns alle und wir sehnten uns nach dem Sonntag, um zu Hans, dem Besitzer der Eisdiele, gehen zu können und ihn schon von morgens an mit unserer Anwesenheit zu beglücken.
Hans war ein für mich damals sehr alter Typ, so um die vierzig und ein arger Schwerenöter. Jedes Mädchen ab 18, jede Frau wurde von ihm auf eine unglaublich charmante Art angebaggert. Er hatte große blaue Augen, war selbst eher klein und hatte eine Glatze, was ihn nicht davon anhielt, sie seiner Meinung nach recht geschickt unter einer kunstvoll über die Platte gelegten Haarsträhne zu verbergen und zu glauben, keiner merke es.

Verließ er den Laden, prüfte er die Windrichtung, um seinen Kopf in die richtige Richtung zu halten. Trotzdem passierte es manchmal, dass der Wind die Wahrheit an den Tag brachte und die langen, über die Platte drapierten  Haare, erst senkrecht in die Höhe und danach auf der falschen Seite wieder herabfallen zu lassen. Das sah sehr unvorteilhaft aus und immer wenn ich es sah, tat Hans mir einerseits leid und andererseits musste ich doch innerlich lachen. Das war ihm natürlich unheimlich peinlich, aber nur er nahm Anstoß an seiner Glatze. Gäste und Freunde, vor allem die Frauen, interessierten sich nicht im Geringsten dafür. Er war eben Hans, und Hans wurde von allen geliebt. Im Gegensatz zu Klärchen, seiner Frau, die ein arger Besen schien, und die Gäste sahen sie lieber gehen als kommen.

Das tat sie dann auch jeden Abend um siebzehn Uhr und schon wurde es urgemütlich bei Hans im Eiscafé.

Die alte Wurlitzer wurde auf Dauerbetrieb gestellt, es wurde frei Haus geschwoft, gesoffen und selten etwas gegessen. Hans kam so richtig in Fahrt. Um einundzwanzig Uhr wurde der Laden geschlossen und dann ging es erst richtig los.

Dann war da noch Rosi, Walters Tochter. Sie wohnte einige Zeit bei ihrem Vater in der Hütte. Rosie hatte die wunderschönsten, mandelförmig geschnittenen, grünbraunen Augen, die ich je gesehen hatte. Mit Rosi, die nur zwei Jahre älter war als ich, freundete ich mich sehr schnell an. Oft kam es vor, dass wir nach einer durchzechten Nacht in aller Frühe in den nahen Alsterpark gingen. Dort setzten wir uns an den Karpfenteich, genossen die kühle Luft und ließen die Nacht noch einmal Revue passieren. Wenn die Enten erwachten, ahmte Rosi die Sprache von Donald Duck nach, und siehe da, die Erpel verstanden diese Sprache und liefen uns in Scharen nach.

Walter, Fiete, Rosi und ich waren sozusagen der harte Kern bei Hans. Es gab noch einige andere Leute, die mehr oder weniger oft dort hingingen, aber sie gehörten nicht zu der sogenannten Stammmannschaft wie wir vier.

Eines Abends machte Hans den Vorschlag, doch mal wieder zu Toni und Nelli zu gehen. Diese beiden kannte ich noch nicht und fragte, wer und wo das sei. Mir wurde erklärt, dass Fuhlsbüttel so etwas wie eine anrüchige Dorfkneipe besaß, die „Bodega“.
„Oh ha, also eine halbseidene Kaschemme, und ich hatte noch nichts davon gewusst.“

So zogen wir los zum Fuhlsbüttler Damm, zur besagten Kneipe. Schon von außen wirkte der Laden recht seltsam. Neben der total verschmutzten Eingangstür ein ebensolches Fenster mit dunkelgrauen Gardinen. Als ich den Laden betrat, schlug mir eine Mischung aus Muff, Geruch von schalem Bier und die dicke Rauchwolke einer Rothändle rauchenden, hageren, älteren Frau hinter einem langen Tresen bei schummriger Beleuchtung entgegen.

Das musste Nelli sein. Als sie Hans sah, kam sie freudestrahlend um den Tresen herum und rief mit tiefer rauer Stimme: „Mensch Hans, du alter Schweinekopf, krieg ich dich auch mal wieder zu sehen?“ Ich musste lachen und freute mich auf das was da noch kommen sollte. Hans aber lächelte charmant wie immer, murmelte etwas von: „Ach Toni, viel Arbeit, Klärchen und so, du weißt doch....“, und bestellte erst einmal eine Lokalrunde. Das war für ihn nicht besonders teuer, denn das Lokal hatte außer uns nur noch einen weiteren Gast, so dachte ich jedenfalls. Ein kleiner, etwas dicklicher Mann in abgetragenen Manchesterhosen und einem karierten, kaputten Hemd. Er saß am Tresen, grinste dümmlich aber nett und trank ne Pulle Bier. „Tag Nelli“, hörte ich Hans sagen und ich fragte mich, ob Hans wohl schon etwas zuviel getrunken hätte, da er diesen Typen mit Nelli und die Frau mit Toni ansprach. Ich klärte ihn über sein Missverständnis auf. Erstaunt sah er mich an, dann prustete er los, denn die Frau hieß tatsächlich Toni und der Mann Nelli.

Toni war die Besitzerin des Schuppens, und Nelli erledigte für Bier, Unterkunft und täglich einen Teller warmes Essen alle anfallenden Arbeiten im Hause. Vor Jahren war dieser Schuppen eine gutgehende Pension mit Restaurant und Bar sowie Kaminzimmer gewesen. Doch der Laden war immer mehr heruntergewirtschaftet worden und verkam zusehends.

Diesen ersten Abend bei Toni und Nelli werde ich nie vergessen.

Hans und Toni warfen eine Runde nach der anderen. Zwischendurch ließen Fiete und Walter sich auch nicht lumpen, und so hatten wir alle nach einer gewissen Weile ordentlich einen im Kahn. Jeder redete mit jedem.

Walter philosophierte mit Fiete über den Sinn des Lebens an und für sich, und Toni hörte ich angeregt mit Hans über ihre Nasennebenhöhle plaudern. Nelli saß immer noch am Tresen, grinste dümmlich aber nett, und Rosi erzählte mir von ihrem Geschiedenen, in den sie immer noch hoffnungslos verknallt war.
Walter nickte zwischenzeitlich immer mal etwas ein, während Toni bei ihren Krampfadern angelangt war. Nur Nelli murmelte mit sich allein und grinste weiterhin dümmlich aber nett. Hans stand neben Nelli und klopfte ihm zwischendurch immer mal wieder beruhigend auf die Schulter, wobei er „schon gut Nelli, wird schon wieder Nelli“, vor sich hinbrabbelte. Nelli selber grinste weiterhin dümmlich aber nett.

Zwischendurch schickte Toni immer mal wieder eine Runde ihrer absoluten Horrormischung: Weinbrand mit je einem gehörigen Schuss Gin und Aprikotbrandy zu uns rüber, wobei sie jedem, dem sie ein Glas reichte, schicksalsschwanger tief in die Augen schaute, um dann verschwörerisch mit einem zusammengekniffenen Auge zu lächeln. „Trink, meine Süße“ oder „trink, mein Süßer“ war einer ihrer Standardsätze.

Plötzlich wankte Walter an mir vorbei, säuselte ein nuscheliges „Gute Nacht, Helga“ und verschwand Richtung Tür. Ich erkannte gerade noch, dass draußen in der Zwischenzeit eine Menge Schnee gefallen war, bevor sich die Tür hinter ihm schloss.

Der erste Schnee! Dieses Ereignis wollte ich mir ansehen. Leicht schwankend verließ ich das Lokal. Es schneite wie wild und ein starker Wind war aufgekommen. Da ich alles doppelt sah, hielt ich mir ein Auge zu und blickte die Straße entlang.

Jetzt konnte ich Walter sehen, keinen Augenblick zu spät, denn er machte gerade mit weit ausgestreckten Armen eine Schwalbe in eine Schneewehe, dann war er nicht mehr zu sehen. Ich wartete, aber er blieb verschwunden. Also stapfte ich los und fand ihn friedlich schlafend, grunzend wie ein sattes Baby und lächelnd wie ein Honigkuchenpferd im Schnee liegen. Was blieb mir übrig? Ich brachte ihn nach Hause, und so endete dieser Abend auch für mich.

©Helga Sievert-Rathjens

 

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