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Familie A. Meise

Familien A. Meise, M. Amsel und Freunde

Im Herbst bastelten mein Mann und ich zwei Nistkästen sowie ein Vogelfutterhäuschen für die fröhlichen Sänger und Piepser. Wir hatten im Sommer ein Amselpärchen ihre Jungen in einer Hainbuche großziehen sehen und hören. Familie Blaumeise hatte sich in ein ausgedientes Abgasrohr in der Schulwand eingenistet und auch Kohlmeisen wohnten ganz in der Nähe. Die Grünlinge hatten sich die Hainbuche an der Ecke zu ihrer Sommerresidenz auserkoren und trillerten ausdauernd.

Wir fanden ein Vogelfutterhäuschen aus vergangenen Tagen im Keller. Da es ein sehr kleines Häuschen war, baute mein Mann eine Veranda um es herum. Auch das Dach wurde mit zwei Plastikplatten vergrößert und ich malte mit wasserfestem Filzstift Dachziegel darauf. Dann wurde es, etwas über Kopfhöhe, auf einem Pfahl vor dem Küchenfenster neben eine der Hainbuchen aufgestellt.

Das Futter wurde von oben - durch eine Art Schornstein mit abnehmbarem Deckel - eingefüllt. Dann fiel es nach unten auf den Boden und war somit vor Regen gut geschützt. Wenn die Vögel nun von unten pickten, drückte das Futter von oben nach und der Essplatz war dadurch ständig frisch gefüllt. Ich hatte mir gedacht, dass das Futter für einige Wochen reichen würde.

Nach zwei Tagen ging ich hinaus um nachzuschauen, ob die Vögel schon etwas gefressen hatten, und sah erstaunt, dass das Futter ratzekahl weggefressen war. Ich wollte es kaum glauben, aber es war nichts mehr vorhanden. Ganze Vogelschwärme müssen über Nacht da gewesen sein und sich gütlich getan haben. Doch nachts fliegen nur Eulen und die fressen keine Körner und Nüsse. Ich füllte also Futter nach und wartete wieder zwei Tage. In der Zwischenzeit lugte ich immer wieder aus dem Fenster, konnte aber nie einen Vogel sehen. Am dritten Tag war wieder alles weggeputzt. Sehr mysteriös.

Wir beschlossen, uns auf die Lauer zu legen. Wieder wurde das Futter aufgefüllt und gewartet. Am nächsten Vormittag wurden wir einiger Tauben ansichtig, die den Einflugbereich von den Giebelseiten her ansteuerten und dann so lange im Futterhäuschen verweilten bis sie satt waren. Daraufhin flogen sie ihrer Wege. Mir war es nicht recht, dass nur Tauben das Futter bekamen und die anderen Vögel fast nichts von der Mahlzeit abbekamen.

So sannen wir auf Abhilfe. Mein Mann fertigte aus verzinktem, dünnem Rundstahl zwei Gitter an und befestigte sie links und rechts an den Giebelwänden.

Das Haus hatte dadurch zwar einen dezenten Knastcharakter angenommen, aber die Stäbe sollten ja nur ihren Zweck erfüllen. Doch wir entdeckten, dass die Tauben sich davon nicht schrecken ließen. Sie übten so lange den Anflug, bis sie es schafften, in der nun relativ engen Lücke zwischen Dach und Veranda zu landen. Wieder war das Futter weggefressen. Wieder wurde mein Mann tätig. Diesmal spannte er einen dünnen Kupferdraht so um das Haus herum, dass die enge Lücke noch enger wurde und wirklich nur noch von kleinen Vögeln angeflogen werden konnte.

Nach zwei Tagen war das Futterhaus wieder leer.

“Wie machen die das nur?“ fragten wir uns ratlos. Jetzt beobachteten wir die Tauben auf dem Dach des Häuschens. Sie hatten, plietsch wie sie nun mal sind, einfach den Deckel von der Einfüllöffnung heruntergekickt, und schon brauchten sie sich nicht einmal mehr anzustrengen...

Jetzt mussten wir schon herzlich über ihren Einfallsreichtum lachen, und wir bewunderten die Tauben wegen ihrer Geschicklichkeit und der Kontinuierlichkeit, mit der sie an den gedeckten Tisch gelangten. Doch nützen sollte es ihnen nichts. Nachdem mein Mann mit einem weiteren Draht verhindert hatte, dass der Deckel von Vogelschnäbeln zu öffnen war, mussten sie sich an der anderen Futterstelle auf dem Boden bedienen.

Zugegeben, unser Futterhäuschen sah jetzt ein wenig abstrakt aus, aber endlich waren die Kleinvögel wieder unter sich und das große Schmausen konnte beginnen. Der Winter kam und die Spuren im Schnee um das Futterhäuschen herum wurden sehr aufschlussreich. Manchmal stand ich lange am Fenster und beobachtete das rege Treiben.

Da waren die kleinen roten Federbälle, mit den schwarzen Kappen auf dem Köpfchen, die der Volksmund Dompfaffen nennt, in der Fachwelt aber Gimpel heißen. Sie kamen immer zu zweit. Das Männchen mit lebhaft rot gefärbtem Bauch, das Weibchen etwas bräunlicher. Ihr sanftes Pfeifen hörte sich immer etwas besorgt und ängstlich an, so als fragten sie sich ständig gegenseitig: „Ist bei Dir alles in Ordnung?“ Sie flogen das Häuschen an, nahmen sich, was sie wollten und hockten sich dann auf den Rand der Veranda, um es zu verspeisen. Das machten sie so lange, bis sie satt waren und wieder wegflogen.
Ganz anders dagegen die Blau- und Kohlmeisen, die schnell in das Häuschen huschten, hurtig eine Nuss oder einen Sonnenblumenkern schnappten und damit in den nächstgelegenen Baum abschwirrten, um dort die Mahlzeit einzunehmen.

Eines Tages bemerkte ich einen recht properen Spatz unter dem Häuschen auf dem Fußboden mausartig hin und her huschen. Ich freute mich, sind doch die Sperlinge in unserer Gegend nicht mehr anzutreffen. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sich dieser Spatz aber als Heckenbraunelle, die sich durch den dünnen Insektenfresserschnabel und die graue Färbung an Kopf und Brust von jenem unterscheidet.

Die Heckenbraunelle hält sich vorwiegend dort auf, wo es viel Gestrüpp gibt und ist sehr scheu. Fühlt sie sich beobachtet, lässt sie sich wie ein Stein zu Boden fallen und ist durch ihr unauffälliges Aussehen sehr schwer auszumachen.

Sie blieb den ganzen Winter. Im Frühling stand ich oft sehr früh auf, nur um ihren zarten, leisen Gesang zu hören.

In jenem Winter bemerkten wir auch, dass ganz in unserer Nähe ein Zaunkönig sowie ein Rotkehlchen lebten. Wir freuten uns sehr darüber, denn wir hatten nicht erwartet, dass in einer Großstadt wie Hamburg, an einer lauten Schule, direkt neben dem Haupteingang, diese Vögel zu beobachten sind.

Ich liebe den Gesang der Vögel. Das Amselmännchen, welches im März noch zwiegesprächig in den Hainbuchen übt, hat schon im April den schönsten Tenor weit und breit. Der Zaunkönig hört sich an, als hätte er ein Megaphon vor den Schnabel genommen, um allen anderen Zaunkönigen zu erzählen, dass dies sein Revier ist und sie sich gefälligst woanders hin zu begeben haben. Vielleicht hatte er sich in dem neu angelegten Totholz- und Reisighaufen eingenistet, den ich am Ende des Gartens für Vögel, Insekten und Igel angelegt hatte.

Die Nistkästen wurden erst im zweiten Jahr angenommen. Dann zog dort die Familie A. Meise in eines der Kästen ein und zeigte sich dadurch erkenntlich, dass sie unsere Pflanzen von Räubern freihielt. Herr Meise nahm am Einflugloch noch einige Änderungen vor; sorgte dann höchst persönlich für die Einrichtung und zog letztendlich mit seiner Frau ein.

Auch die Grünlinge sind ihrer Heimat treu und kommen jedes Jahr wieder an diesen Platz, wo sie von uns herzlich willkommen geheißen werden. Im darauffolgenden Sommer konnten wir hören, dass ganz in der Nähe eine Klappergrasmückenfamilie eingezogen war. Ich habe nie heraus bekommen, wo sie nisteten, aber der klappernde Gesang des Männchens ist in dicht besiedelten Gebieten ziemlich selten und wir waren hoch erfreut darüber.

Unter der ersten Hainbuche, in Sichtweite unseres Sitzplatzes, stellte ich eine flache Vogeltränke auf. Oft, wenn ich alleine, still vor mich hinträumend, oder lesend im Gartenstuhl saß, konnte ich beobachten, wie die süßen, kleinen Federbälle einen Drink nahmen, ungeniert Toilette machten, sich badeten und putzten und dann eilig davonsprangen.

Die Vögel brachten viel Freude und Abwechslung, aber manchmal auch Stress in mein Leben. Ich denke da an die Tage, als die jungen Amseln langsam flügge wurden. Die Jungen sind Nestflüchter und verlassen oft schon das Nest, bevor sie fliegen können und hüpfen dann lustig durch den Garten. Die Alten waren damit nicht gerade einverstanden und flogen laut schreiend hin und her. Jedes Mal, wenn sich eine ihnen verdächtige Figur dem Versteck der Jungen näherte, stießen sie ihr langanhaltendes, schrilles Keckern aus. Da diese Straße, im Gegensatz zu einem Wald, ziemlich belebt ist, war jeder verdächtig, und die beiden Alten mussten von früh morgens bis spät abends schreien - ohne Luft zu holen, wie es uns manchmal schien.

Wir mussten, ob wir wollten oder nicht, das Schimpfen anhören. Ich traute mich schon gar nicht mehr in meinen Garten, denn dann schwoll das Gezeter zu einem ohrenbetäubenden Gekreische an. Doch musste ich schließlich nach dem Wildkraut sehen oder die Pflanzen gießen.

An einem frischen Morgen ging ich, ungeachtet der Schreikrämpfe der Altvögel, in den Garten. Ich bückte mich, um eine kleine Staude, die vom Morgentau benetzt zusammengesunken war, zu befühlen, als unter dieser Staude ein überaus erschreckendes Geschrei erscholl und ein Untier, diese Laute ausstoßend, hochsprang, über meine Hand raste und im Pflanzengewirr verschwand. Vor Schreck schrie ich selber laut auf und fiel rücklings auf den Hintern. Die Amseleltern flogen jetzt im Sturzflug auf mich zu, berührten mich aber nicht. Dann dämmerte mir, dass ich vermutlich ein Amseljunges aufgescheucht hatte.
 Ich war wirklich sehr erfreut, als die kleinen Amseln endlich fliegen konnten.

 

©Helga Sievert-Rathjens

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