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Die Frau auf dem Balkon

Die Frau auf dem Balkon gegenüber

 

Du schaust aus deinem Küchenfenster. Gegenüber siehst du immer mal wieder eine Frau auf ihrem Balkon stehen. Der Balkon ist sommers von schönen Blumen umrankt. Anders als bei den anderen Balkonen. Bunte Blüten zeigen ihre Schönheit und wetteifern mit all den Blumen in den Kästen.

Tagsüber siehst du die Frau, wie sie sich mit den Blumen beschäftigt. Sie zupft hier und da, gießt voller Hingabe und erscheint dir glücklich und ausgeglichen, erscheint dir so, als würde sie ganz in ihrer Aufgabe, die Blumen zu pflegen und zu lieben, aufgehen.

Ja, das tut sie. Sie liebt jede einzige Blüte, jedes Pflänzchen, ob selber eingepflanzt oder ob es zufällig alleine dort seinen Platz gefunden hat.

 

Du denkst, was für eine glückliche, ausgeglichene Frau.

 

Abends und nachts siehst du sie immer wieder auf dem Balkon eine Zigarette rauchen. Sie scheint dir so froh in ihrer Welt zu sein. Dir tut das so gut. In dieser so verqueren Welt, wo es so scheint als würden alle nur über sich nachdenken, ihre eigenen Ziele verwirklichen und wenig über Rücksicht nachdenken, steht diese Frau entspannt und in sich zufrieden, auf dem Balkon und liebt das Dasein.

Das ist das was du siehst und denkst, das ist dass, was du dir für dich wünscht und dir Mut macht für dein eigenes Dasein, was dir Hoffnung und Freude gibt in dieser Welt, in der du lebst und so oft erlebst, dass Herzlosigkeit und Schnelllebigkeit vorherrscht.

Schöne Welt, die du dir wünscht.

 

Ich bin diese Frau an der du dich erfreust. Ich bin die, die jede einzelne Blüte liebt, die sich voller Hingabe der Pflege dieser Blumen hingibt.

 

Du glaubst, diese Frau müsste glücklich sein. Doch ich sehe eine andere Frau. Eine Frau die vor Einsamkeit manchmal so unglücklich ist, dass sie sich fragt, warum sie noch hier ist. Die einen kleinen Hund hat, auf den sie ihre Liebe projiziert, und nur wegen ihm noch auf dieser Welt verweilt. Eine Frau, die dort steht, die Sterne schaut und sich fragt, was das alles soll. Die lustig sein kann, aber die die Fröhlichkeit verloren hat. Du kennst diese unbändige, sprudelnde, wie Brausepulver im Bauch, gurgelnde Fröhlichkeit. Ich sehe eine Frau, die nicht mehr in der Tiefe fröhlich ist, die nur noch lustige, humorvolle Antworten auf Lager hat, ohne zu fühlen was Frohsinn ist. Jedes Lachen von ihr, jede witzige Aussage von ihr dümpelt an der Oberfläche. Das Graue herrscht in ihr vor. Nichts gibt es, was sie tief zu berühren vermag. Alles ist vordergründig. Sie lächelt, sie sieht glücklich aus, sie scheint zufrieden, doch sie ist unglücklich. Sie würde gerne gehen, für immer, aber da ist dieser Hund, für den sie die Verantwortung übernommen hat. Und manchmal denkt sie, wäre er doch nicht mehr da, er ist alt und sollte wohl bald sterben, dann könnte auch sie gehen.

 

Du siehst sie dort, auf ihrem Balkon, das Gesicht der Sonne zugewandt und sie scheint  selig zu lächeln, scheint die Sonne zu genießen und du erfreust dich an ihr, denkst, wie schön das ist, ein ausgeglichener Mensch, der die einfachen Freuden des Lebens genießt.  Und du bist froh, dass es noch das gibt, wonach du dich schon länger sehnst, nämlich heile Welt in deinem Umfeld, genau gegenüber, auf dem Balkon, die ältere Frau, die in ihrer ganz eigenen Welt glücklich und ausgeglichen ist, die nach nichts fragt und die Welt Welt sein lässt.

©Helga Sievert-Rathjens

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