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Apfeldiebin

Apfeldiebin

 

Nachdem Kuddel zur Arbeit gegangen ist, laufe ich nach Hause und schnappe mir meine eisernen Rollschuhe und fahre in die Fuhle. Dort ist ein Gemüsemann, der Rindfleisch heißt. Ich lache mich immer schlapp über die komischen Namen, denn ein paar Häuser weiter gibt es einen Schlachter, der Durst heißt, und der Milchmann um die Ecke heißt Kuckuck. Auch einen Blumenladen haben wir hier und der heißt tatsächlich Topf. In Gedanken vertausche ich die Namen, und natürlich heißt der Milchmann dann Durst und der Schlachter Rindfleisch. Nur der Gemüsemann hat für meinen Geschmack noch nicht den richtigen Namen. Kuckuck hat ja schließlich nichts mit Obst und Gemüse zu tun. Insgeheim hoffe ich, dass endlich ein Zooladen hier einzieht, der Früchte heißt. Dann würde alles perfekt stimmen.

 

Aber heute interessieren mich die Namen nicht. Mich interessieren eher die Äpfel vor dem Laden, die dort in ihren Kisten nur darauf warten, von mir gefuttert zu werden. Meine Mutter behauptet von dem Mann, dass er den Leuten das Fell über die Ohren zieht und er es von den Lebendigen nimmt. Genau weiß ich nicht was das heißt, aber es hört sich ziemlich gemein von ihm an, und deshalb finde ich es gar nicht schlimm, wenn ich ihm mal ein paar Äpfel klaue.

 

Ich drücke mich vor seinen Auslagen herum, bin ja extra mit Rollschuhen gekommen, damit mein Vorhaben nicht so auffällt und ich auch schneller bin als ein langweiliger Gemüsehöker. Ich sause ein paar Mal an den gut gefüllten Kisten vorbei, mein Appetit wird immer größer, und endlich klaue ich im Vorbeiflitzen einen Apfel. Dann wie der Blitz um die Ecke und verzehre ihn in meinem Versteck. Das ganze mache ich noch zwei mal, dann hat mich der Gemüsehöker bei meinem Tun entdeckt.

 

Er kommt aus seinem Laden herausgeschossen. Wild mit den Armen fuchtelnd und laut rufend rennt er hinter mir, die ich wie eine Wilde die Straße entlangrolle. Ich strenge mich ordentlich an und bin tatsächlich schneller als er. Endlich bin ich auf dem Parkplatz an der Hellbrookstraße angelangt. Dort ist der Eingang eines Bunkers aus dem Krieg. Ich verstecke mich hinter diesem Eingang und beobachte, wie der Gemüsemensch angeröchelt kommt. Aber er hat mich gesehen und läuft direkt auf mich zu. Ich rase um den Bunker herum, doch er kommt mir schon entgegen. Natürlich will ich ausweichen, fange an zu straucheln und liege der Länge nach auf dem Teer. In meiner Angst beginne ich lauthals an zu schreien, so laut, dass  mehrere Leute von der Straße her angelaufen kommen. Die wissen natürlich nicht, was los ist und finden es unmöglich von dem Mann, dass er mir so eine Angst einjagt. Auch als er erklärt, was vorgefallen ist, lassen sie kein gutes Haar an ihm. Und so trollt er sich, laut schimpfend zwar, aber er lässt mich jetzt zufrieden.

 

Eine nette Frau nimmt mich bei der Hand und fragt: Willstn Stück Kuchen? Ich schaue engelsgleich zu ihr auf. Sie geht mit mir zum Bäcker gegenüber und kauft mir einen Amerikaner mit extra viel Zuckerguss. Ich bin ganz lieb und bedanke mich bei der Frau und rolle nach Hause.

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